Peter Spiegel über ein ungewöhnliches Buch im Zusammenhang der Impulse, die der Senat Bundesminister Müller zuarbeitete

Entdeckung zweier Zukunftskontinente

Was Gerd Müllers Buch „UNFAIR!“ so wichtig und wertvoll macht

Kann man in einer Welt, die nun schon seit Jahrhunderten mit sich immer weiter intensivierender Entdeckerlust unterwegs ist, überhaupt noch so etwas wie einen neuen Zukunftskontinent entdecken?

Man kann. Gerd Müller entdeckte gleich zwei davon, wenn man den Begriff Zukunftskontinent nicht allein auf das Geografische verengt. Er ist zwar für die beiden Zukunftskontinente, die er in seinem Buch beschreibt, nicht der Erstentdecker, aber vielleicht einer, der die entscheidenden Impulse setzt für den Durchbruch. Er ist zumindest der entschiedenste Politiker in deren Entdeckungsprozess, und dies als ein Politiker mit nicht unwesentlichem Entscheidungs- und Handlungsspielraum.

Der eine Zukunftskontinent, den Müller in den Fokus seines Denkens und Entdeckens nahm, ist physischer Natur und heißt Afrika. Der zweite ist konzeptioneller Natur und heißt globale ökosoziale Marktwirtschaft, was nichts anderes bedeutet als eine gelingende, konsequente Globalisierung guter und fairer ökologischer und sozialer Standards. Für Müller sind beide Zukunftskontinente absolut untrennbar miteinander verbunden.

Ohne Ludwig Erhards Blick auf Nachkriegsdeutschland als „soziale Marktwirtschaft“ mit „Wohlstand für alle“ und Amerikas Entscheidung für einen Marshallplan wäre die Entwicklung wohl eine völlig andere gewesen. Analoges gilt für die Entwicklung Europas, Chinas, Indiens – und eben auch Afrikas als nächstes Anwendungsfeld.

Will man ernsthaft dazu beitragen, dass sich Afrika vom „Problemfallkontinent“ zum Zukunftskontinent entwickelt, bedarf es dieses Blickwinkels: „Afrika ist der Kontinent der Chancen, der Dynamik und der Jugend mit einer unvorstellbaren kulturellen Vielfalt und einer Natur mit riesiger Artenvielfalt. Es ist eine Schatzkammer der Natur. In Afrika befinden sich die größten Anbauflächen der Welt. Afrika verfügt über vielfältige natürliche Ressourcen… Unternehmergeist und Innovationskraft, außerdem die großen unerschlossenen Potenziale für erneuerbare Energien und Landwirtschaft könnten dazu verhelfen, Hunger und Mangelernährung innerhalb von ein bis zwei Jahrzehnten zu überwinden… Afrika ist ferner auch der Markt mit dem schnellsten Wachstum im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnik…“

Müller ist nicht naiv und weiß, dass viele Aspekte dieses Reichtums „ein Segen, aber auch ein Fluch“ sind – solange es keinen klugen „Marshallplan mit Afrika“ gibt, solange Ausbeutung, Korruption und unfaire Handelsbedingungen freie Bahn für ihren Umgang mit diesem Reichtum haben.

Lamentieren über fraglos vorhandene Mängel in Müllers Ansatz für einen „Marshallplan mit Afrika“ und eine „Globalisierung einer ökosozialen Marktwirtschaft“ wäre ein kardinaler Fehler, denn Müller lud für jede bisherige wie jede weitere Phase zu einem permanent offenen gesamtgesellschaftlichen Diskussionsprozess ein. In diesem Sinne: Nutzen wir die Chance.

 

Gerd Müller: UNFAIR! Für eine gerechte Globalisierung. 2017. 191 Seiten. Murmann Publishers

Auszüge der Rezension für das Magazin SENATE von Peter Spiegel, CEO Genisis Institute for Social Innovation, Generalsekretär WeQ Foundation